Preußens Toleranzedikt

Preußens Toleranzedikt

Wie ein protestantischer Staat zum Zufluchtsort für Verfolgte wurde

Kategorie: Geschichte & Kultur  |  Lesezeit: ca. 5 Minuten

Ein Staat öffnet seine Grenzen

In einer Zeit, in der religiöse Verfolgung in Europa Alltag war, tat Preußen etwas Ungewöhnliches: Es öffnete seine Grenzen. Wer anderswo wegen seines Glaubens verfolgt, vertrieben oder um seine Lebensgrundlage gebracht wurde, fand in Brandenburg-Preußen oft eine neue Heimat. Dieser Zug zur Toleranz war kein Zufall, sondern ein bewusstes staatliches Prinzip – und es macht Preußen zu einem der interessantesten Einwanderungsländer der frühneuzeitlichen Geschichte.

Das Edikt von Potsdam: Willkommen, Hugenotten

Den Anfang machte das Edikt von Potsdam vom 29. Oktober 1685. Kurfürst Friedrich Wilhelm – der ‚Große Kurfürst‘ – erließ es nur wenige Wochen nach dem Edikt von Fontainebleau, mit dem Ludwig XIV. von Frankreich die Hugenotten ihrer Religionsfreiheit beraubt hatte. Rund 200.000 Protestanten flohen aus Frankreich. Ein guter Teil von ihnen fand in Brandenburg-Preußen eine neue Heimat.

Das Edikt von Potsdam bot den Hugenotten nicht nur Zuflucht, sondern konkrete Privilegien: eigene Schulen, eigene Kirchen, steuerliche Erleichterungen, das Recht auf eigene Gerichte. Brandenburg warb aktiv um die Geflüchteten – und profitierte enorm davon. Die Hugenotten brachten Handwerkskunst, kaufmännisches Know-how, neue Industrien und ein weltoffenes Stadtleben mit. Berlin wurde durch sie zu einer europäischen Stadt.

Die Salzburger: Vertriebene willkommen geheißen

Kaum fünfzig Jahre später wiederholte sich dieses Muster. Im Jahr 1731 vertrieb Erzbischof Firmian rund 20.000 lutherische Protestanten aus dem Erzbistum Salzburg – mitten im Winter, viele ohne jede Vorbereitung. Das protestantische Europa war schockiert. König Friedrich Wilhelm I. von Preußen handelte schnell: Er lud die Salzburger Emigranten ausdrücklich ein, sich in Ostpreußen anzusiedeln, das nach verheerenden Pestzügen dünn besiedelt war.

Die sogenannte Salzburger Emigration war eine der größten Bevölkerungsumsiedlungen des 18. Jahrhunderts in Deutschland. Preußen schuf für die Neuankömmlinge Infrastruktur, vergab Land und ermöglichte ihnen den Aufbau einer neuen Existenz. Bis heute trägt die Region um Gumbinnen (heute Gusev, Russland) die kulturellen Spuren dieser Einwanderungswelle.

Friedrich der Große: Jeden nach seiner Fasson

Unter Friedrich II. erreichte Preußens Toleranzpolitik ihren Höhepunkt. Sein berühmter Ausspruch – dass in seinen Landen jeder nach seiner Fasson selig werden solle – war keine bloße Phrase. Friedrich lehnte es ab, seinen Staat konfessionell zu definieren. Katholiken, Lutheraner, Reformierte, Mennoniten, Juden und selbst Muslime konnten sich in Preußen niederlassen und ihren Glauben praktizieren.

Für Juden war Preußen zwar kein gleichberechtigter Staat – die rechtliche Emanzipation erfolgte erst im 19. Jahrhundert –, doch bot es ihnen im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern ein hohes Maß an Sicherheit und wirtschaftlicher Betätigungsmöglichkeit. Moses Mendelssohn, einer der bedeutendsten jüdischen Denker der Aufklärung, lebte und wirkte in Berlin – und das war kein Zufall.

Toleranz als Staatsprinzip und wirtschaftliche Strategie

Es wäre zu einfach, Preußens Toleranz als rein idealistisch darzustellen. Sie war auch kluge Staatsräson. Ein Land mit beschränkten natürlichen Ressourcen brauchte Menschen – kompetente, fleißige, engagierte Menschen. Wer religiöse Minderheiten aufnahm, gewann Handwerker, Kaufleute, Gelehrte und Soldaten, die anderswo nicht willkommen waren. Preußens Offenheit war ein Wettbewerbsvorteil.

Doch das mindert ihre Bedeutung nicht. Denn es zeigt: Toleranz und pragmatisches Interesse müssen kein Widerspruch sein. Preußen lebte vor, dass eine Gesellschaft davon profitiert, wenn sie Verfolgten Schutz bietet und Vielfalt als Stärke begreift – nicht als Bedrohung.

Ein Erbe, das nachwirkt

Das Berlin des 18. Jahrhunderts war eine der kosmopolitischsten Städte Europas – nicht trotz, sondern wegen Preußen. Franzosen, Niederländer, Böhmen, Schweizer, Juden aus aller Welt: Sie alle trugen zur kulturellen und wirtschaftlichen Blüte der Stadt bei. Dieses Erbe ist real, es ist greifbar – und es verdient mehr Aufmerksamkeit als das Bild vom Militärstaat, das die Erzählung über Preußen bis heute dominiert.

Preußen war komplexer, widersprüchlicher und faszinierender, als das Klischee erlaubt. Wer seine Geschichte kennenlernt, entdeckt ein Land, das in mancher Hinsicht moderner dachte als seine Zeitgenossen – und das auch heute noch etwas zu sagen hat.

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