Der erste Diener des Staates – und seine Nachfolger
Über Verantwortung, Pflicht und das Verschwinden eines politischen Ideals
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Es gibt einen Satz, der das preußische Staatsverständnis auf den Punkt bringt wie kein zweiter. Friedrich II. schrieb in seinem politischen Testament von 1752, das für seinen Thronfolger bestimmt war: „Der Herrscher ist der erste Diener des Staates. Er wird gut besoldet, damit er die Würde seiner Stellung aufrechterhalte. Man fordert aber von ihm, dass er werktätig für das Wohl des Staates arbeite.“ Wissen.de
Das war kein leeres Bekenntnis. Friedrich bezeichnete sich selbst als „Erster Diener des Staates“, setzte tiefgreifende gesellschaftliche Reformen durch, schaffte die Folter ab und forcierte den Ausbau des Bildungssystems. Wikipedia Während andere Monarchen ihre Macht als gottgegeben betrachteten, sah Friedrich seine Aufgabe darin, dem Staat zu dienen und rational zu handeln. Schloss Sanssouci Potsdam
Man muss sich das vor Augen halten, wenn man auf die politische Klasse unserer Zeit schaut.
Ein König, der studierte, dachte und diente
Friedrich der Große war kein Herrscher, der zufällig auf einen Thron geriet und dann irgendwie weitermachte. Er wurde schließlich ein Anhänger der Stoiker, vor allem durch das Studium der Schriften des römischen Kaisers Marc Aurel, den er als Staatsmann und Herrscher sein Vorbild nannte. Swg-mobil Er korrespondierte mit Voltaire, schrieb eigene philosophische Schriften und verfasste den „Antimachiavel“ – eine kritische Auseinandersetzung mit den Machtlehren seiner Zeit.
Nicht die Untertanen sind für den Fürsten da, sondern der Fürst für die Untertanen. Er hat für ihr Wohl zu sorgen. Das Fürstentum, das Friedrich lebte, war ein Fürstentum der Pflicht. Strenge und Unbeugsamkeit gegen sich selbst gingen ihm aus diesem Fürstenbegriff hervor. Waldorf-Ideen-Pool
Friedrich regierte nach dem Grundsatz „Alles für das Volk, nichts durch das Volk.“ Learnattack Diese Pflichtethik, die typisch preußisch werden sollte, hat später der große Kant in seinen Kategorischen Imperativ eingegossen. Swg-mobil
Das war kein Zufall, kein Lippenbekenntnis. Friedrich schlief auf einem Feldbett in Sanssouci. Er präsentierte sich stets in einer einfachen, alten Hauptmannsuniform, auf der sogar Flicken zu erkennen waren. Friedrich-ii-der-grosse Als sein Land nach dem Siebenjährigen Krieg verwüstet dalag, arbeitete er unermüdlich am Wiederaufbau – nicht für sich, sondern für Preußen.
Und heute?
Wer sich fragt, was aus diesem Ideal geworden ist, findet die Antwort in den nüchternen Zahlen des modernen Parlamentsbetriebs.
Im aktuellen Bundestag geben 40 Abgeordnete keinen Berufsabschluss an und nennen sich einfach „Politiker“. Von 630 Abgeordneten haben 40 keinen konkreten Berufsabschluss angegeben. Chef News Das klingt nach einer Randnotiz – ist es aber nicht. Es gibt den ironisch gemeinten Dreiklang der Politikerkarriere: „Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal“. Berliner Zeitung Gemeint ist: Viele Berufspolitiker haben ihr Leben lang nie in einem echten Beruf gearbeitet.
Bundestagsabgeordnete sind immer häufiger Berufspolitiker, die einen Großteil ihres Lebens und ihrer beruflichen Erfahrung innerhalb von Parteistrukturen verbracht haben. Der Zugang zu politischer Macht bleibt damit für Menschen mit einem normalen Berufsweg zunehmend verschlossen. Fuchsbriefe
Die Bildung, die Friedrich sich ein Leben lang angeeignet hatte – Philosophie, Geschichte, Staatstheorie, Kriegskunst, Ökonomie –, war das Fundament seiner Entscheidungen. Heute reicht oft schon Parteiarbeit ab der Jugendorganisation als Qualifikationsnachweis.
Das System Lobbyismus: Wessen Diener ist die Politik?
Noch schwerer wiegt ein anderes Problem. Friedrich diente dem Staat. Wem dienen moderne Politiker?
Verbände und Unternehmen geben in Deutschland über 800 Millionen Euro im Jahr für Lobbyismus aus. ZDFheute. Die Finanzindustrie allein gibt laut einer Auswertung der Bürgerbewegung Finanzwende 40 Millionen Euro für Lobbyarbeit im Bundestag aus, mit 442 namentlich registrierten Lobbyisten. ZDFheute
Was das in der Praxis bedeutet, zeigen konkrete Fälle. Im Jahr 2020 sorgte der Fall des CDU-Abgeordneten Philipp Amthor für Aufsehen. Er soll sich für ein amerikanisches Start-up-Unternehmen eingesetzt haben, erhielt dabei laut Medienberichten Aktienoptionen und einen Direktorenposten. Auch die Maskenaffären der Bundestagsabgeordneten Nikolas Löbel und Georg Nüßlein verliehen der Debatte zusätzliche Dynamik. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
Prominente Ex-Politiker wie Gerhard Schröder stehen auf Honorarlisten von Unternehmen. ZDFheute Das Prinzip ist bekannt: Erst Macht, dann Monetarisierung.
Das pluralistische Ideal einer ausgewogenen und gleichberechtigten Interessenvertretung, bei der sich praktisch von selbst das beste Argument durchsetzt, ist eine Illusion. Große Unternehmen haben an Macht und Einfluss gewonnen. LobbyControl
Was das preußische Ideal lehrt
Man muss kein Monarchist sein, um zu erkennen, was das preußische Staatsverständnis an echtem Wert enthält. Der Gedanke, dass politische Macht nicht Selbstzweck ist, sondern Dienst – dieser Gedanke ist universell. Er gilt für Könige genauso wie für Abgeordnete, für Ministerien genauso wie für Parteivorstände.
Friedrich schrieb: „Trägheit, Vergnügungssucht und Dummheit: diese drei Ursachen hindern die Fürsten an ihrem edlen Berufe, für das Glück der Völker zu wirken.“ Wissen.de
Man könnte diesen Satz heute ohne weiteres wieder verwenden – und man müsste nur wenig daran ändern.
Eine politische Klasse, die ernsthaft für das Gemeinwohl eintreten will, braucht mehr als Mandate. Sie braucht Bildung, Lebenserfahrung, und – vor allem – die Bereitschaft, Interessen zurückzustellen. Preußen hat gezeigt, dass das möglich ist. Ob es heute Vorbilder braucht oder Strukturen, die dieses Verhalten erzwingen, ist eine andere Frage. Aber dass es an beidem fehlt, dürfte kaum jemand ernsthaft bestreiten.
Quellen: Politisches Testament Friedrichs II. (1752); Wikipedia: Friedrich II. (Preußen); ZDF: Lobbyismus im Bundestag; Berliner Zeitung: Brauchen Politiker eine Ausbildung?; LobbyControl: Lobbyreport; Bundestag Lobbyregister (Stand 2025)