Preußische Tugenden: Redlichkeit und Toleranz

Redlichkeit und Toleranz – Wie ehrliche Menschen eine offene Gesellschaft bauen

Kategorie: Geschichte & Kultur  |  Lesezeit: ca. 4 Minuten


Man könnte meinen, Redlichkeit und Toleranz seien Gegensätze. Wer kompromisslos die Wahrheit sagt, ist doch kaum der Typ, der andere Meinungen großzügig stehen lässt. Und wer alles toleriert, kann es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Dieses Missverständnis ist weit verbreitet – und es ist einer der Gründe, warum unser gesellschaftlicher Diskurs heute so vergiftet ist. Denn was wir erleben, ist nicht zu viel Redlichkeit und zu viel Toleranz. Es ist zu wenig von beidem.


Redlichkeit – Die unterschätzte Grundlage des Vertrauens

Redlichkeit bedeutet mehr als nicht lügen. Es ist eine Haltung. Die Bereitschaft, unbequeme Dinge auszusprechen, auch wenn es einfacher wäre zu schweigen. Die Fähigkeit, zu einem Fehler zu stehen, ohne ihn wegzureden. Das Versprechen, das man gibt, auch dann zu halten, wenn die Umstände sich verändert haben.

Preußen hatte für diese Tugend einen einfachen Maßstab: Ein Mann, eine Aussage. Wer sein Wort gab, stand dazu. Wer einen Fehler machte, korrigierte ihn – ohne Ausrede, ohne Schuldverschiebung. Das klingt selbstverständlich. Es ist es nicht mehr.

Was wir heute stattdessen erleben, ist eine Kultur der strategischen Unschärfe. Aussagen werden so formuliert, dass sie im Nachhinein umgedeutet werden können. Versprechen gelten bis zum nächsten Vorteil. Fehler werden nicht eingestanden, sondern erklärt, relativiert, auf andere projiziert. In der Politik ist das Normalzustand, im Alltag breitet es sich aus.

Das hat Konsequenzen. Wo Redlichkeit fehlt, stirbt Vertrauen. Und ohne Vertrauen ist eine Gemeinschaft kein Zusammenschluss von Menschen mehr, sondern eine Ansammlung von Einzelinteressen, die sich gegenseitig misstrauisch beobachten. Jeder versucht, den anderen zu durchschauen, bevor er sich verletzbar macht. Offenheit wird zur Naivität erklärt. Ehrlichkeit zur Dummheit.

Redlichkeit ist deshalb keine private Tugend. Sie ist ein gesellschaftlicher Rohstoff – und einer der knappsten unserer Zeit.


Toleranz – Stärke, keine Schwäche

Toleranz ist in der modernen Debatte zum Kampfbegriff verkommen. Die einen fordern sie lautstark ein, ohne sie selbst zu üben. Die anderen lehnen sie als Weichheit ab, die dem eigenen Standpunkt schadet. Beide liegen falsch.

Friedrich der Große formulierte das Prinzip der preußischen Toleranz in einem Satz, der heute noch besticht: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ Er meinte es ernst. Hugenotten, Juden, Katholiken – in einem protestantisch regierten Staat fanden sie Raum, weil der König erkannte, dass eine Gesellschaft aus dem Unterschied Stärke zieht, nicht aus erzwungener Gleichheit.

Das war keine Gleichgültigkeit. Es war eine bewusste Entscheidung: dass die eigene Überzeugung stark genug ist, um neben anderen Überzeugungen zu bestehen. Wer wirklich sicher in seiner Haltung ist, braucht den anderen nicht zu bekehren.

Echte Toleranz setzt voraus, dass man eine eigene Position hat. Sonst ist es kein Dulden mehr – es ist Beliebigkeit. Und genau hier ergänzen sich Redlichkeit und Toleranz so wirkungsvoll: Wer redlich ist, weiß, wofür er steht. Wer tolerant ist, lässt auch andere wissen, wofür sie stehen.

In einer Gesellschaft, in der beide Tugenden gelebt werden, ist Meinungsverschiedenheit kein Angriff mehr. Es ist ein Gespräch. Man kann klar anderer Meinung sein, ohne den anderen zu vernichten. Man kann überzeugen wollen, ohne zu manipulieren. Man kann zuhören, ohne sofort zu urteilen.


Was passiert, wenn beides fehlt

Schauen wir uns an, wohin die Abwesenheit dieser beiden Tugenden führt – und wir müssen nicht weit schauen.

Ohne Redlichkeit: Eine Öffentlichkeit, in der niemand mehr weiß, was er glauben soll. In der jede Aussage sofort auf ihren Nutzen für den Sprecher untersucht wird. In der Aufrichtigkeit als Schwäche gilt und clevere Unehrlichkeit als Kompetenz.

Ohne Toleranz: Eine Gesellschaft, die in Lager zerfällt. In der die eigene Gruppe per Definition recht hat und die andere per Definition falsch liegt. In der Diskurs durch Empörung ersetzt wird und Andersdenkende nicht widerlegt, sondern ausgegrenzt werden.

Beides zusammen ergibt das, was wir gerade erleben: eine laute, unehrliche, intolerante Öffentlichkeit, in der alle reden und niemand gehört wird.


Fazit: Die ehrliche Gesellschaft ist die offene Gesellschaft

Redlichkeit und Toleranz sind keine Widersprüche. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille: der Fähigkeit, mit anderen Menschen wirklich in Beziehung zu treten. Nicht als Spiegel des eigenen Ichs, nicht als Gegner, den es zu besiegen gilt – sondern als jemanden, dem man die Wahrheit sagt und dem man trotzdem Raum lässt.

Preußen hat das nicht immer perfekt gelebt. Aber als Ideal hat es Bestand. Weil eine Gesellschaft, die redlich und tolerant zugleich ist, das Kunststück vollbringt, das heute so schwer scheint: Sie hält aus, was sie nicht teilt – und bleibt dabei sie selbst.

Klare Worte. Offene Türen. Das wäre ein Anfang.


Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie über die zeitlosen Werte des preußischen Erbes.

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